Donnerstag, 28. Dezember 2017

Herzensangelegenheiten

17. August 1960: Irgendwie ist er unzufrieden. Klar: Sie dürfen heute live auftreten, und das Publikum hier in Hamburg scheint sie zu mögen. Aber sein bester Kumpel ist ihm immer ein bisschen zu gut gelaunt, der andere Gitarrist ein wenig zu ambitioniert, und der Schlagzeuger kommt immer seltener zur Bandprobe. Außerdem fehlt ihm die schlechte Luft von Liverpool. Wer hätte das gedacht? Eines Tages, da ist er sicher, werden sie die größte Band der Welt sein. Größer als Jesus. Eine Revolution starten. Man muss es sich nur vorstellen.

18. Juni 1967: Brian Jones nennt ihn einen Freund und "den aufregendsten Performer, den ich je gehört habe". Die Massen vor der Bühne jubeln, aber sie jubeln praktisch immer. Gras und Liebe überall, sie träumen von einer besseren Zeit. Er will eigentlich nur Musik machen, die Musik in seinem Kopf und seinem Herzen. Er spielt die Gitarre wie niemand zuvor. Sie ist ihm Geliebte und Gegner, Anker in der Not und Brücke nach außen. Er lässt sie singen und schreien und weinen. Dann spielt er einen Song von Bob Dylan und verändert die Welt.



16. August 1974: Ihr Konzept geht auf. Gleiche Frisuren, gleiche Klamotten, kein Song über drei Minuten. "One, two, three, four", zählt der Bassist an. Sie rocken das CBGB's, sie rocken das New Yorker Publikum. Drei Betrunkene, den Barkeeper und einen Hund. Selbst die sind hier mehr Kunst gewohnt, weniger Krach. Dass Krach Kunst ist, verstehen sie schnell. Es geht um Geschwindigkeit, um Freiheit, um das Leben. Keine Zeit für viele Gedanken oder schlechte Stimmung. Popmusik, aber lauter. Auch das gehört zum Konzept. One, two, three, four.

16. August 1975: Er mag es nicht, vor ausgewähltem Publikum zu spielen. Lieber singt er für die einfachen Menschen da draußen, deren Geschichten er in seinen Liedern erzählt. Aber ihr neues Album steht an, und die Plattenfirma will die Songs vorstellen. Also ist das Bottom Line in New York eben der Ort, wo sie beweisen, was sie können. Dass er und die Jungs längst eine gut geölte Maschine sind, geschmiedet auf den Bühnen im ganzen Land. Einer der Zuschauer macht sich Notizen. "Ich habe die Zukunft des Rock'n'Roll gesehen", steht da.

26. März 1985: Endlich auf die Bühne. Raus aus dem vergammelten Proberaum, der eigentlich ihr Wohnzimmer war. Er stöpselt seine Gitarre ein und legt los. Vor ihm krächzt der Sänger die ersten Zeilen ins Mikro, neben ihm starren der Bassist und der andere Gitarrist verbissen auf ihre Instrumente. Der Drummer, da ist er sicher, konzentriert sich lieber auf den Sitz seiner Frisur. Die Songs sind gut, das weiß er genau. Und er weiß auch, dass er sie irgendwann in riesigen Stadien spielen wird, für ein riesiges Publikum und mit riesigem Sound. Er blickt nach vorne zum Publikum. Dort stehen zwei Leute.

13. Juli 1985: Gott sei auf der Suche gewesen nach einem, der etwas gegen den Hunger in der Welt unternimmt, schreibt er später in seiner Autobiografie. Doch er habe sich vertan und an der falschen Tür geklingelt - ein gammeliger Ire machte auf. "Egal", habe Gott gedacht, "der tut's auch." Und das stimmt: Er tut etwas. Er macht, während andere nur reden. Er hat sie alle zusammengetrommelt, die Größten der Rockszene, und gemeinsam singen sie für eine gute Sache. Es ist das größte Festival aller Zeiten, und er hat es fast im Alleingang organisiert. Vielleicht hat Gott sich gar nicht geirrt?

17. August 1991: Jetzt wollen sie auch noch ein Video. Niemals hatte er vor, einen verdammten Hit zu schreiben. Seine Angst und seine Wut sollten vertont werden, die mussten raus. Mal laut, mal leise, beides im gleichen Song. Mehr nicht. Und plötzlich halten alle ihn für den Retter des Rock. Sein Magen schmerzt schon seit Tagen, wie eigentlich fast immer, seine schlechten Angewohnheiten sind wieder da. Die beiden anderen haben Verständnis für ihn, sind jedoch nicht die Stütze, die er braucht. Auch seine Freundin ist das nicht. Niemand ist das. Er fühlt sich allein. Und singt zynisch darüber, andere zu unterhalten. Er weiß nicht, ob er das noch lange erträgt.

Sieben Streiflichter von tausend möglichen. Um mal ein paar Helden zu danken.

Montag, 11. Dezember 2017

Team Keaton

Wenn mich in den vergangenen Monaten etwas Nicht-Persönliches berührt hat, dann ist das die Geschichte von Keaton Jones. Keaton ist ein kleiner Junge aus Tennessee, und er hat der Welt etwas zu sagen. Deswegen hat er seine Mutter gebeten, ihn mit dem Smartphone zu filmen. Unter Tränen erzählt er davon, wie er immer und immer wieder von anderen Schülern drangsaliert wird, wie sie ihn quälen, sich über sein Aussehen lustig und ihm das Leben zur Hölle machen. "Menschen, die anders sind, brauchen deshalb nicht kritisiert zu werden", sagt er unter anderem. "Es ist nicht ihre Schuld."

Ich stelle das Video hier bewusst nicht dazu, weil es wirklich dazu angetan ist, einem das Herz zu brechen - hier ist es zu finden. Innerhalb weniger Tage hat der Junge, der keine Freunde hatte, den größten Freundeskreis der Welt bekommen. Ungezählte Menschen solidarisieren sich mit ihm per Twitter und Facebook, aber sie besuchen ihn auch zu Hause in Tennessee. Unter ihnen sind ein Dutzend prominenter Sportmannschaften, deren bekannteste Spieler, aber auch erfolgreiche Musiker und Schauspieler, unter anderem ungefähr der komplette Cast von "Avengers: Infinity War".

Die gute Nachricht: Keaton kann wieder lachen - und einen Tweet dazu stelle ich gerne hier ein:
Und er ist zum Vorbild, zur Stimme für all jene geworden, denen es so ergeht wie ihm, die in sehr jungen Jahren schmerzhaft lernen, wie grausam die Welt und die Menschen darin sein können. Beeindruckender kleiner Kerl.

Warum mich seine Story so berührt? Weil sie mich an weniger lustige Zeiten erinnert, die ich selbst erlebt habe, als ich in seinem Alter war. Ich spreche darüber nicht besonders gern, habe sogar die Klappe gehalten, wenn andere mutiger waren und ihre entsprechende Geschichte erzählt haben. Vermutlich habe ich diese Erfahrungen auch ein bisschen verdrängt. Nun wurde ich dieses Jahr zum dritten Mal daran erinnert und kann bestätigen, dass es irgendwann besser wird. Der Schlüssel ist Selbstbewusstsein (und zwar im Wortsinn, aber auch in der klassischen Bedeutung).

Jeder Mensch ist etwas wert. Ob er ein Keaton ist oder einem Keaton begegnet - es ist wichtig, sich das ab und zu ins Bewusstsein zu rufen.

(Kleines Update: Natürlich ist dies das Internet, und natürlich hat das Leben immer zwei Seiten. Inzwischen wurden Fotos und Screenshots veröffentlicht, die Keatons Mutter als zumindest sehr reaktionär darstellen. Außerdem hat jemand unter ihrem Namen eine Spendensammlung eröffnet.

Dazu ist zu sagen, dass die Familie abstreitet, etwas mit dem Spendenaufruf zu tun zu haben, und es vergleichsweise einfach ist, sich online als jemand anderes auszugeben. Und zum erstgenannten Vorwurf genügt mir persönlich das Foto im Tweet. Sieht für mich nicht nach Rassismus aus. Zumal wir über einen kleinen Jungen reden, der viel durchgemacht hat, nicht darüber, welche Fehler seine Mutter begangen haben mag. Haters gonna hate. Mehr dazu gibt's hier.

Noch ein kleines Update (und mich ärgert, dass das nötig ist): Mittlerweile erlebt die Familie einen Shitstorm, steht also zwischen zwei Wellen, und das ist sehr unnötig. Grundsätzlich geht es einfach um einen kleinen Jungen, der gemobbt wurde. Wer an Fakten interessiert ist, sollte sich das hier anschauen. Und es ansonsten so halten:
Und so:
Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.)

Montag, 20. November 2017

An der Kasse

Abenteuer Lebensmittelmarkt: Ich habe für vieles Verständnis. Nicht für alles, aber meist versuche ich zumindest, die Handlungen und Sichtweisen meiner Mitmenschen nachzuvollziehen. An der Supermarktkasse gerate ich jedoch mitunter an meine Grenzen.

Ich verstehe beispielsweise das Konzept des Warentrenners nicht, wenn zwischen den einzelnen Warenstapeln mehrere Meter Abstand herrschen und es also faktisch nichts zu trennen gibt. Aber auch das aggressive Verhalten einiger Kunden kurz vor der Kasse kann ich nicht recht nachvollziehen. Wieviele Minuten Zeitersparnis bringt es ihnen, in der Schlange etwas weiter vorne zu stehen? Und warum zur Hölle haben sie alle Zeit der Welt, sobald sie an der Reihe sind - sprich: es ans Bezahlen geht?

Kürzlich stand ich armes Würstchen mit einem ebensolchen und einem Joghurt in Händen leicht irritiert hinter einer älteren Dame, die mich zuvor mit giftigem Blick und spitzen Ellbogen beiseite gedrängt hatte. Zu ihren Einkäufen - die sie selbstverständlich mit mindestens einem Warentrenner von meinen Waren trennte - gehörte unter anderem eine kleine Packung Schokoherzen. Schlagartig sehr entspannt fragte sie die Kassiererin, ob jene wie im Werbeprospekt versprochen 79 Cent kosteten oder man die ausgepreisten 89 Cent bezahlen müsse. Nicht jeder hat das Geld locker sitzen, das ist mir bewusst. Der Mantel mit Echtpelz am Kragen brachte mich zwar auf den Gedanken, dass die Dame vermutlich keine finanziellen Sorgen habe, aber sei's drum. (Er machte sie übrigens auch nicht sympathischer.) Die Kassiererin gab alles, um den tatsächlichen Wert besagter Herzen herauszufinden. Unter anderem führte sie ein längeres Telefonat mit jemandem namens "Duanne", was man übrigens nicht "Dwayne", sondern "Du, Anne" ausspricht. Sie beendete das Gespräch mit einigen guten Wünschen für ihre Kollegin, aber ohne ein Ergebnis, das zur Beantwortung der Frage der Seniorin beigetragen hätte.

Diese reagiert unwirsch, verzichtete aber sicherheitshalber auf den Kauf der Schokoherzen. Bis Weihnachten ist es ja auch noch ein wenig hin. Als nächstes wurde sie von der Kassiererin darüber aufgeklärt, dass man als Kunde die Plastikkörbe, die im Markt bereitstehen, nicht unentgeltlich mit nach Hause nehmen dürfe. Dies schien sie zu überraschen; augenscheinlich waren ihr die Preisetiketten an den in der Herstellung vergleichsweise günstigen Papiertüten und Stoffbeuteln entgangen. Nun doch leicht erbost bezahlte sie ihre restlichen (also schokoherzlosen) Einkäufe.

Die Summe belief sich auf sechs Euro und achtundneunzig Cent. Selbstverständlich hatte die gute Frau diesen Betrag passend. Allerdings nicht parat, ohnehin musste sie zunächst - sichtlich überrascht vom plötzlichen Bezahlvorgang - ihre Geldbörse suchen. Dieser entnahm sie schließlich die geforderte Summe in möglichst kleinen Geldstücken. Sie tat das sehr sorgfältig und ohne unnötige Hast - mich zur Seite zu schubsen hatte ihr offenbar tatsächlich einen beachtlichen Zeitvorteil verschafft. Vielleicht musste sie auch im Gegensatz zu mir nicht zurück an ihren Arbeitsplatz. Ältere Damen im Pelz gehen ja oft keiner regelmäßigen Tätigkeit mehr nach, um ihr Auskommen zu sichern.

Kurze Zeit darauf - inzwischen hatte auch ich die Wurst und den Joghurt bezahlt - sah ich die wackere Greisin auf dem Parkplatz des Lebensmittelmarktes wieder. Sie schlug gerade die Fahrertür ihres neuen Mercedes gegen die Beifahrertür meines alten Fiat. Aber ich habe ja für vieles Verständnis.

Dienstag, 14. November 2017

Gude und Moin: Expedition in den Comic-Untergrund

Nachdem ich mich hier über einige meiner liebsten Comics ausgelassen habe, geht es diesmal etwas tiefer in die Materie - besser: in den Untergrund. Die Frage, was Underground-Comics sind, ist so schwer zu beantworten wie die nach Independent-Kino oder Alternative-Musik. Die beiden Beispiele, mit denen ich mich hier beschäftige, sind allerdings definitiv Untergrund, nämlich von Enthusiasten im Kleinen mit viel Liebe geschaffen und veröffentlicht. Sie unterscheiden sich durch drei Jahrzehnte zeitlichen und 360 Kilometer geografischen Abstand. Und um ehrlich zu sein: Sie unterscheiden sich auch sehr in Sachen Qualität.

Es muss so um 1984 herum gewesen sein, als ich zum ersten Mal in Kontakt mit einem Comic-Magazin kam, das nicht im örtlichen Zeitschriftenladen, nicht im einzigen Kiosk der Stadt, nicht auf dem Wühltisch des Supermarktes und nicht mal auf den Flohmärkten der Umgebung erhältlich war. Dort hatte ich in den vergangenen zwei, drei Jahren ungefähr alles eingesammelt, was an Superhelden- oder Horror-Comics zu haben war. Mein Kinderzimmer füllte sich mit bunten Heften, Alben und Taschenbüchern, einiges davon aus einer Zeit, die ich nicht bewusst erlebt habe, anderes aktueller und teils mit fragwürdigen Tricks für Schnäppchenpreise erworben. (Streng genommen nutzte ich die Nachlässigkeit der Kassiererinnen aus. Naja, dürfte inzwischen verjährt sein.) Aber alles, wofür ich mein Taschengeld rausrückte, wurde publiziert von großen Verlagen und war zumindest zum Erscheinungszeitpunkt nicht besonders schwer zu bekommen. Ein elfjähriger Schüler in einer hessischen Kleinstadt der 80er ist nicht gerade der größte Jäger. Dafür ist er notfalls ein begabter und geduldiger Sammler. Mit Kartons voller Comicheften und Schränken voller Taschenbücher und Alben.

Jedenfalls verschlug es mich eines Tages irgendwie in einen kleinen Laden in der Gegend, aus der wir gerade weggezogen waren. Das liest sich jetzt eventuell aufregender als es tatsächlich war: Wir reden einfach über eine andere Straße jener kleinen Stadt in Hessen. Jedenfalls: Zwischen unserer früheren Wohnung und dem Lebensmittelgeschäft, in dem man mir noch kurze Zeit zuvor das obligatorische Stückchen Fleischwurst aufgedrängt hatte, lag ein eher spartanisch eingerichtetes Räumchen, in dem ein junger Mann mit lila Halstuch unter anderem Bücher verkaufte. Ich kann heute nur raten, was mich dort reingeführt haben mag - vermutlich die Suche nach weiteren Science-Fiction-Büchern und eben Comics. Letztgenannte führte der Laden tatsächlich. Aber sie waren anders als alles, was ich aus diesem Genre bis dato kannte. Völlig anders.

"Duty Free" nannte sich das Magazin, das dort im Holzregal lag. Offenbar gab es einen Vorgänger namens "Zollfrei" (das entnahm ich den Eigenanzeigen) und einen Vorvorgänger mit dem schönen Namen "Hand und Fuß", dessen einzige Ausgabe man ebenfalls erwerben konnte. Diese bestand aus ein paar zusammengehefteten Schwarz-weiß-Seiten, die mit kaum lustigen Wortspielen und eher unlustigen Cartoons bedruckt waren. Auffallend: die unterschiedlichen Zeichenstile, die von Kritzeleien für den Hausgebrauch bis zu detaillierter Linienführung reichten. Das eigentliche "Duty Free" führte dieses Konzept der Konzeptlosigkeit fort: Farbe fand gleich- und allenfalls auf der Titelseite statt (ziemlich sicher aus Kostengründen), der Inhalt war dennoch ein buntes Sammelsurium von Geschichten. Mich sprach besonders an, dass einige davon durchaus Lokalkolorit versprühten. Das kleine Lädchen führte auch "Werner"-Comics - die kannte ich natürlich, ich mochte sie auch. Aber ich bin eben Hesse, kein Nordlicht. Storys über die Startbahn 18 West waren mir seinerzeit einfach näher als solche über Flaschbier-Konsum an der Waterkant. (Zu diesem Thema später mehr. Aus Gründen.) Grundsätzlich faszinierte mich, dass da jemand mit ähnlich beknackten Ideen, wie mein juveniler Schädel sie ausbrütete, und teilweise mit einem ähnlich überschaubaren Zeichentalent wie meinem - das damals noch zwischen "okay" und "ganz gut" pendelte - den Mumm hatte, aus beidem ein Comic-Magazin zusammenzuzimmern. Und dass es kleine, fast leere Läden gab, die sowas verkauften.

Ich nahm gleich den kompletten Satz - seinerzeit war das durchaus eine beachtliche Ausgabe für mich - und schleppte ihn zufrieden nach Hause. Ein neues Universum öffnete seine Tore. Es war schwarz-weiß, aber nicht farblos, es war durchgeknallt, komplett irre und angenehm anarchistisch. Es machte höllisch Spaß. Es gab eine Welt jenseits der muskelbepackten Helden und grotesken Monster, die ich so liebte. Sie lag sogar jenseits der verfressenen Kater und grummeligen Wikinger, die zumindest ebenfalls in Sachen Humor unterwegs waren. Später wanderten meine "Duty Free"-Exemplare in Klarsichtfolien und Aktenordner. Von einem Holzregal ins nächste, mit dem Umweg über Hirn und Herz eines jungen Comicfans, für den seit jenem Tag im kleinen leeren Laden alles anders ist. Wie das aber so ist mit der Zeit: Ihr steter Fluss bringt Veränderungen mit sich. Aus vielversprechenden Toren in fremde Universen werden verblichene Erinnerungen. Da ist es gut, wenn man manche davon sorgfältig aufbewahrt, eben nicht nur im Kleinhirn, sondern durchaus buchstäblich. Blätternde Zeitreisen sind zum Greifen nah - und dann und wann werfe ich tatsächlich noch einen Blick in das Schaffen jener nach wie vor unbekannten Kleinkünstler.

Dabei fällt auf, dass Klarsichtfolien zwar dem Zahn der Zeit trotzen, ihr Inhalt dies jedoch mitunter nicht ganz unbeschadet schafft. Was damals aufregend war, wirkt heute eher betulich. Was früher neu und modern daherkam, wirkt inzwischen zurecht retro. "Duty Free" ist ein Kind seiner Zeit, ist vor allem in Sachen Layout und Schrifttypen so sehr 80er wie die Magazine jener Ära. Der dreckige kleine Bruder von "Wiener" und "Prinz", die Comic-"Bravo" für den kleinen Anarcho, das Gegenstück zu Massenprodukten, denen wir heute nostalgisch nachtrauern - klar macht es Spaß, in Erinnerungen zu schwelgen, den Machern dürfte manches jedoch inzwischen peinlich sein. Jugendsünden sind das, auch für mich als Sammler, aber missen möchte ich sie auf keinen Fall. Wer weiß, vielleicht wäre ich ohne den seltsamen Laden mit seinem noch seltsameren Hüter nie auf den Gedanken gekommen, auch mal über den Tellerrand zu gucken und dort Abseitiges zu entdecken. Und das wäre sehr schade gewesen - sogar ein Verlust. Wer sich selbst mal einen Eindruck davon verschaffen will, was damals in der Rhein-Main-Szene grassierte, muss schon einiges an Geschick und Hartnäckigkeit aufwenden. Wie das eben so ist mit dem Untergrund, auch und gerade in Sachen Comics - die Suche danach ist ein kleines Abenteuer.

Oder nicht? Die Zeiten haben sich geändert - das gilt glücklicherweise auch für Vertriebswege. Wer heute mal antesten will, was an unabhängigen Produkten in der bundesrepublikanischen Welt der bunten Bilder kursiert, hat es vergleichsweise einfach. Das eingangs skizzierte Tor nach draußen (beziehungsweise unten) ist nämlich nur noch einen Mausklick entfernt. Vor kurzem stieß ich beispielsweise auf einen kleinen Verlag in Vögelsen bei Lüneburg: Er trägt den sehr passenden Namen Der Buddelfisch und hat sich Geschichten verschrieben, die gleichfalls im Norden zu Hause sind. Begeistert schrieb ich seinerzeit meinem Facebook-Publikum den folgenden Tipp: "Moin! Ihr mögt Wind und Wellen, Norddeutschland und Friesenkrimis, aber auch Comics und Geistergeschichten (also quasi wie ich)? Dann schaut euch mal die Storys an, die Der Buddelfisch online zum Lesen anbietet. Da gehen der olle Klaus Störtebeker und der Klabautermann um, und wortkarge Waterkant-Gesellen fackeln nicht lange, sondern höchstens ab... (Und das alles übrigens so legal wie gratis.) Auch nach Halloween noch einen Klick wert."

Dem ist zumindest inhaltlich kaum etwas hinzuzufügen. Tatsächlich kann man hier einiges aus dem sehr empfehlenswerten Programm des Kleinverlags online lesen. Viel, viel besser ist es allerdings, sich die Comics als tatsächliche Hefte nach Hause zu holen. Zum einen unterstützt man dadurch eine muntere Truppe Enthusiasten, die vor allem einen monetären Griff unter die Arme vermutlich durchaus gebrauchen können. Zum anderen ist man dann der Besitzer von wirklich großartig gemachten, sehr hochwertig gedruckten Comics von der Küste - ich gehe sogar soweit, zu behaupten, eben diese gehören in jeden guten Haushalt. (Bonus-Tipp für Ungeduldige: Wenn man zwei Tage nach der Überweisung per Mail rumnörgelt, dass die Ware noch immer nicht vorliege, wird daraus ein sehr freundlicher Dialog mit Herausgeber Sebastian Kempke, der darüberhinaus jedes Exemplar signiert. Dies tut er allerdings auch, wenn man nicht ungeduldig nervt.)

Flaggschiff im Programm der Buddelfischer ist die Serie "Sturmboje". "Jan Storm und Kris Kundrisson gehen einer eher ungewöhnlichen Beschäftigung nach", heißt es dazu im Online-Auftritt des Verlags. "Ob tief in den Eingeweiden verstaubter Spukhäuser, auf den peitschenden Wellen der Nordsee oder mitten unter uns, in den Städten und Dörfern, die beiden sind dem Unheimlichen auf der Spur." Umgesetzt sind die humorvollen Gruselgeschichten als Mischung aus funny-infizierten Abenteuer-Comics, wie sie oft aus dem franko-belgischen Raum stammen, und bewusster Hommage an die verqueren Storys klassischer Groschenromane à la "John Sinclair". Dank sorgfältiger Erzählweise und eines flotten Zeichenstils ist das Ergebnis atmosphärisch dicht und atmet in jedem Panel die salzige Seeluft seiner Handlungsorte. Weiter oben habe ich behauptet, norddeutsche Geschichten seien mir geografisch ferner als jene aus meiner hessischen Heimat - emotional sind sie es nicht. Wer sämtliche Urlaube seiner Kindheit und auch noch ein paar danach an der Nordsee verbracht hat, bleibt offenbar ein Friesenjung im Geiste.

Zusätzlich zu drei wirklich sehr lesenswerten "Sturmboje"-Comics habe ich noch den Band "Grundkurs Mord" geordert. Vanessa Drossel und Mareike Hansen haben damit einen Comic-Krimi geschaffen, der vor allem "Tatort"-Gucker wie mich ansprechen dürfte. Der Fall der Kieler Polizisten Tanja Sievers und Christian Henning erinnert im Aufbau, aber auch in Sachen Spannung an die besten Folgen der Fernsehreihe. Viel Wortwitz in den Dialogen, durchaus brutale Verbrechen und natürlich das kaputte Privatleben der beiden Ermittler sorgen dafür, dass man sich rasch zu Hause fühlt - und das nicht nur am Sonntagabend. Wenn Ihr also gerade dabei seid, euch die absurd-unterhaltsamen Spukgeschichten zu bestellen, klickt euch diesen realistischen Krimi gleich noch dazu. Es lohnt sich - versprochen. (Das gilt übrigens auch für ein Like auf der Facebook-Seite des Verlags und ein wenig Stöbern in dessen restlichem Angebot.)

30 Jahre nach meinen ersten zaghaften Schritten in den Comic-Untergrund der Republik ist dieser also lebendiger denn je. Und statt mit "Gude" grüßt er heute mit "Moin".

Donnerstag, 2. November 2017

Herzensangelegenheiten

Ungewöhnliche Liebeserklärung: Mein USB-Stick spuckt aktuell eines meiner ewigen Inselalben aus - das 1987 erschienene Debüt einer Band, die es damit aus der Gosse ihrer vermeintlich paradiesischen Großstadt in die Arenen der Welt geschafft hat. Verwurzelt im sleazigen Hardrock der damaligen Ära, aber angeschoben durch die Wut des Punk und geerdet im rudimentären Blues, dazu jeder Song ein Hit und schon das später indizierte Cover der erste Skandal - wer Spuren in der Musikgeschichte hinterlassen will, sollte das mit einem derart lauten Krachen tun.


Der Sänger war ein arrogantes Arschloch, und er war das so bewusst, wie es ihm sein Hang zu verbotenen Substanzen möglich machte. Vom Kopftuch bis zur Spandexhose pure Überheblichkeit und Unberechenbarkeit, dazu gesegnet mit einem verrotzten Organ, das klang, als habe der versoffene kleine Bruder von Dan McCafferty eine doppelte Portion Reißnägel geschnupft. An seiner Seite sein damals noch bester Kumpel, die röhrende Raubtier-Klampfe vor dem Sixpack, darüber ragte die Fluppe aus dem Haarchaos unter dem Knautschzylinder. Der Bassist war ein gelangweilter Schlaks, eigentlich zu clever für diesen verrotteten Haufen und durchaus mit musikalischen Ambitionen gestraft. (Seine Heimatstadt sollte wenige Jahre später zum neuen Rock-Mekka werden. Aber das ahnte damals noch niemand.) Der Drummer war gerade gut genug für seinen Job, lebte das Motto "more cowbell" und benutzte als einziges Bandmitglied jenes Produkt, dem der Hairspray-Hardrock ihrer Zeitgenossen seinen Namen verdankte. Der Coolste aber war der Rhythmusgitarrist, nicht nur der Physiognomie nach ein Bastard des ollen Keith. Seine furztrockenen Riffs hielten die wilde Jagd zusammen, auf der Bühne war er der Ruhepol in der tobenden Meute.

Es folgten Schlagzeilen und Legenden, die Wiederveröffentlichung ihres halb akustisch, halb live eingespielten Demos, ein überproduziertes Zwillingswerk (das kein Doppelalbum war), eine hingeschluderte Hommage an ihre musikalischen Helden und eine äonenlange Pause vor dem kaum noch erwarteten Comeback. Der Sänger latschte aufgedunsen vor einem Trupp angeheuerter Studiomucker herum, die zu Unrecht den respektablen Bandnamen trugen... Erst vor kurzem dann der Friedensvertrag, eine Wiedervereinigung von immerhin drei Fünfteln der Urbesetzung. Die alte Magie ist natürlich dahin, Abstinenz und Harmonie zum Trotz - denn Wiedergänger sind nun mal lebende Tote.
Aber für ein paar Jahre waren diese verkommenen Straßenköter die gottverdammt scheißgrößte Rockband des Planeten.

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Am Ende

Die Insekten sterben. Diese Nachricht geht seit einigen Tagen durchs Netz, aber so richtig interessiert sie niemanden. Mich erinnert das an einen Text, von dem meine Cousine mir vor etlichen Jahren erzählte. Inzwischen weiß ich, dass er vom Schweizer Kabarettisten Franz Hohler stammt. Ich habe natürlich keinerlei Rechte daran, veröffentliche ihn aber hier als eine Art Gastbeitrag. Aus gegebenem Anlass.


Franz Hohler: Der Weltuntergang

Der Weltuntergang
meine Damen und Herren
wird nach dem, was man heute so weiß
etwa folgendermaßen vor sich geh'n:

Am Anfang wird auf einer ziemlich kleinen Insel
im südlichen Pazifik
ein Käfer verschwinden
ein unangenehmer und
alle werden sagen
Gott sei Dank ist dieser Käfer endlich weg
dieses widerliche Jucken, das er brachte
und er war immer voller Dreck.

Wenig später werden die Bewohner dieser Insel merken
dass am Morgen früh
wenn die Vögel singen
eine Stimme fehlt
eine hohe, eher schrille
wie das Zirpen einer Grille
die Stimme jenes Vogels, dessen Nahrung, es ist klar
der kleine, dreckige Käfer war.

Wenig später werden die Fischer dieser Insel bemerken
dass in ihren Netzen
eine Sorte fehlt
jene kleine, aber ganz besonders zarte, die -
hier muss ich unterbrechen und erwähnen
dass der Vogel mit der eher schrillen Stimme
die Gewohnheit hat oder gehabt haben wird
in einer langen Schlaufe auf das Meer hinaus zu kehren
und während dieses Fluges seinen Kot zu entleeren
und für die kleine, aber ganz besonders zarte Sorte Fisch war dieser Kot
das tägliche Brot.

Wenig später werden die Bewohner des Kontinents
in dessen Nähe die ziemlich kleine Insel im Pazifik liegt, bemerken,
dass sich überall
an den Bäumen, auf den Gräsern, an den Klinken ihrer Türen
auf dem Essen, an den Kleidern, auf der Haut und in den Haaren
winzige schwarze Insekten versammeln
die sie niemals gesehen
und sie werden's nicht verstehen
denn sie können ja nicht wissen
dass die kleine, aber ganz besonders zarte Sorte Fisch
die Nahrung eines größern, gar nicht zarten Fisches war
welcher seinerseits nun einfach eine andre Sorte jagte
einen kleinen, gelben Stichling vom selben Maß
der vor allem diese schwarzen Insekten fraß.

Wenig später werden die Bewohner Europas
also wir
merken, dass die Eierpreise steigen
und zwar gewaltig
und die Hühnerfarmbesitzer werden sagen
dass der Mais
aus dem ein Großteil des Futters für die Hühner besteht
vom Kontinent in dessen Nähe die ziemlich kleine Insel im Pazifik liegt
plötzlich nicht mehr zu kriegen sei
wegen irgendeiner Plage von Insekten
die man mit Giften erfolgreich abgefangen
nur leider sei dabei auch der Mais draufgegangen.

Wenig später
jetzt geht es immer schneller
kommt überhaupt kein Huhn mehr auf den Teller.
Auf der Suche nach Ersatz für den Mais im Hühnerfutter
hat man den Anteil an Fischmehl verdoppelt
doch jeder Fisch hat heutzutage halt
seinen ganz bestimmten Quecksilbergehalt
bis jetzt war er tief genug, um niemand zu verderben
doch nun geht's an ein weltweites Hühnersterben.

Wenig später
werden die Bewohner jener ziemlich kleinen Insel im südlichen Pazifik
erschreckt vom Ufer in die Häuser rennen
weil sie das, was sie gesehen haben, absolut nicht kennen.
Die Flut hat heute
und dazu muss man bemerken
der Himmel war blau und Wind gab es keinen
und der Wellengang war niedrig wie stets bei schönem Wetter
und trotzdem lagen heute Nachmittag
die Ufer der Insel unter Wasser
und natürlich wusste niemand
dass am selben Tag auf der ganzen Welt
die Leute von den Ufern in die Häuser rannten
und die Steigung des Meeres beim Namen nannten.

Wenig später
werden die Bewohner jener ziemlich kleinen Insel im südlichen Pazifik
von den Dächern ihrer Häuser in die Fischerboote steigen
um in Richtung jenes Kontinents zu fahren
wo seinerzeit die Sache mit dem Mais passierte.
Doch auch dort ist das Meer schon meterhoch gestiegen
und die Städte an der Küste und die Häfen, die liegen
schon tief unter Wasser
denn die Sache ist die
man musste das gesamte Federvieh
also sechs Milliarden Stück
vergiftet wie es war
verbrennen
und der Kohlenstaub, der davon entstand
gab der Atmosphäre
durch Wärme und Verbrennung schon bis anhin strapaziert
den Rest.

Sie ließ das Sonnenlicht wie bisher herein
ABER NICHT MEHR HINAUS
wodurch sich die Luft dermassen erwärmte
dass das Eis an den Polen zu schmelzen begann
die Kälte kam zum Erliegen
und die Meere stiegen.
Wenig später werden die Leute
die mittlerweile in die Berge flohen
hinter den Gipfeln
weit am Horizont
ein seltsam fahles Licht erblicken
und sie wissen nicht, was sie denken sollen
denn man hört dazu ein leises Grollen
und wenn einer der Ältern jetzt vermutet
dass nun der Kampf der Großen beginnt
um den letzten verbleibenden Raum für ihre Völker
da fragt ein andrer voller Bitterkeit
wie um Himmels willen kam es soweit?

Tja, meine Damen und Herren
das Meer ist gestiegen weil die Luft sich erwärmte
die Luft hat sich erwärmt, weil die Hühner verbrannten
die Hühner verbrannten, weil sie Quecksilber hatten
Quecksilber hatten sie, weil Fisch gefüttert wurde
Fisch hat man gefüttert, weil der Mais nicht mehr kam
der Mais kam nicht mehr, weil man Gift benutzte
das Gift musste her, weil die Insekten kamen
die Insekten kamen, weil ein Fisch sie nicht mehr fraß
der Fisch fraß sie nicht, weil er gefressen wurde
gefressen wurde er, weil ein anderer krepierte
der andere krepierte, weil ein Vogel nicht mehr flog
der Vogel flog nicht mehr, weil ein Käfer verschwand
dieser dreckige Käfer, der am Anfang stand.

Bleibt die Frage
stellen Sie sie unumwunden
warum ist denn dieser Käfer verschwunden?
Das, meine Damen und Herren
ist leider noch nicht richtig geklärt
ich glaube aber fast, er hat sich falsch ernährt.
Statt Gräser zu fressen, fraß er Gräser mit Öl
statt Blätter zu fressen, fraß er Blätter mit Ruß
statt Wasser zu trinken, trank er Wasser mit Schwefel
so treibt man auf die Dauer an sich selber eben Frevel.
Bliebe noch die Frage
ich stell' mich schon drauf ein
wann wird das sein?

Da kratzen sich die Wissenschaftler meistens in den Haaren
sie sagen in zehn, in zwanzig Jahren
in fünfzig vielleicht oder auch erst in hundert
ich selber habe mich anders besonnen
ich bin sicher
der Weltuntergang, meine Damen und Herren
hat
schon
begonnen.


Franz Hohler - Der Weltuntergang from ECO123 on Vimeo.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Zweite kuriose Geschichte des Tages

Wenn du spät nach Hause kommst, den Hausschlüssel ins Schloss steckst, ihn umdrehst... und nichts passiert, dann hast du ein Problem. Dann weißt du endgültig: Dieser Tag wird auch auf den letzten Metern nicht dein Freund.

Da ist es gut, wenn man den richtigen Spezialisten für solche Notfälle anruft. Sein Name: Marx, Frank Marx. Und er ist ungefähr der arschcoolste Typ unter der Sonne (die zu diesem Zeitpunkt allerdings längst untergegangen war). Als Jesus seinerzeit Probleme damit hatte, die Steinkugel wegzurollen, hat er IHN gerufen. Wenn sie irgendwann das Bernsteinzimmer finden, und es ist von innen abgeschlossen, werden sie IHN holen. Denn für diesen Kerl stellen Türen keine Hindernisse dar. Nicht mal Herausforderungen. Sie sind bestenfalls Training.

Die Fluppe im Mundwinkel, den Werkzeugkoffer lässig schlenkernd, anderthalb Meter totale Kompetenz - so stapfte er im Halbdunkel heran. Nun gibt es ja zwei Sorten Haudegen: Es gibt die wortkargen, eher mürrischen Typen, die nur dann und wann ein verächtliches Schimpfwort zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorknurren. Und es gibt Frank Marx. Oder anders: Er redet gern. Und viel. Und oft. Eigentlich andauernd. Wie die meisten großen Helden hat er einen Erkennungssatz - eine so genannte Catchphrase -, um sich von seinen Mitbewerbern zu unterscheiden. In seinem Fall lautet sie: "Ich will Ihnen das nur kurz erklären." Ja, das wollte er. Das tat er auch. Wortreich, durchaus eloquent, aber glücklicherweise vor allem parallel zu seiner Arbeit. Denn sein eigentliches Ziel neben einer gewissen didaktischen Verantwortung für den Kunden (der übrigens dringend pinkeln musste) war das Öffnen des offensichtlich kaputten Schlosses.

Zum Einsatz kamen zwei verschiedene Diamantaufsätze für den Schlagbohrer, der Schlagbohrer, ein uralter Schraubenzieher, ein noch älterer Hammer, zwei Zigaretten in einer halben Stunde, eine ins wirre Grauhaar geschobene Sonnenbrille (nochmal: es war bereits dunkel) und im späteren Verlauf eine Flasche WD40 aus meinem eigenen Besitz. Ich verfüge nun über ein neues Türschloss, "das Beste auf dem Markt", quasi unzerstörbar, findet auch in Atomkraftwerken Verwendung, der Hausmeister von Fort Knox würde bei diesem Anblick neidvoll in Tränen ausbrechen... Ihr habt ein Bild.

Gekostet hat mich das Ganze genau *hust* Euro. Ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass der Beste unter den 24-Stunden-Schlüsseldienstleistern dafür gesorgt hat, dass aus meiner Hütte das dörfliche Äquivalent zu Abrahams Schoss geworden ist. Kein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass es viel Geld ist. Aber der Meister heißt offenbar nur zufällig Marx.